Von Freunden und Schülerinnen. Von Vorfahren und Nachkommen: Das neue Buch von Marie-Louise Knopp zeigt viele persönliche Seiten und lässt wichtige Mitautor/innen zu Wort kommen.
Der Titel dieses Buches macht neugierig, die Frage stellt sich: Was sind Mauersegler, wieso schreibt man über sie, was bedeutet es, dass sie „tanzen“?
Da es sich um ein sogenanntes Ost-West-Buch handelt, assoziiert man den Begriff zunächst mit den legendären Mauerspechten aus der unmittelbaren Zeit des Mauerfalls.
Es waren jene waghalsigen Zeitgenossen, die mit Fäustel und Meißel, mitunter gar mit dem Bohr- oder Presslufthammer daran gingen, jenes widernatürliche Bauwerk, das durch die Mitte Deutschlands gezogen worden war und dessen östlichen Teil zu einem großen Gefängnis gemacht hatte, zu zerlegen oder sich zumindest einzelne originale Brocken herauszulösen. Wer sich erinnert: Mauerstücke waren ab Ende 1989 begehrte Souvenirs, sie zieren nun Vitrinen von US-Bürgern ebenso von Japanern und Australiern.
Mauersegler haben hingegen nichts Zerstörerisches an sich. In der Natur sind sie Vögel, die mit schnellem, graziösen Flug durch die Landschaft, durch die Lüfte gleiten und uns ein Gefühl von Freiheit und Freude vermitteln. Zuweilen sind sie derart schnell, dass man mit den Augen flink sein muss, um sie zu bemerken.
Nun zieren sie den Titel des neuen Buches von Marie-Louise Knopp, die Mitglied in unserem Verband ist und mit ihren Mauerseglern bereits die vierte entsprechende Veröffentlichung offeriert.
Das Buch ist – erneut – ein sehr persönliches Werk, in dem die Autorin teils frühere Texte in neuer und neugierig machender Form präsentiert. Man spürt beim Lesen, dass sie sich zugleich sowohl gewandelt wie auch ihre ursprüngliche Festigkeit behalten hat.
Das Buch pendelt zwischen Ernsthaftigkeit und Lebensfreude, es wird ein großer Bogen geschlagen, und zugleich werden Schicksale und Erlebnisse sehr eng gefasst. Vor allem liest es sich leicht, und irgendwie freut man sich, wenn auf einmal jener Baum wieder auftaucht, bei dem die ganz junge Marie seinerzeit schon Trost und Schutz gesucht hat.
Wenn man sich allerdings vor dem Beginn der Lektüre gefragt hat, wie denn Mauersegler tanzen könnten, so findet man als Leserin oder Leser die Antwort von selbst: Man schwebt beim Lesen durch die Landschaft, durch die Lüfte [OCR?].
So berichtet Marie-Louise mit Wohlwollen, Liebe und Großzügigkeit über die guten und die schlechten Phasen und Menschen ihres Lebens.
Andererseits muss man gerecht sein: Sie hat dieses Buch nicht allein geschrieben. Es ist das Werk einer Reihe von Weggefährtinnen und -gefährten, die ihr wichtig sind und die durch eigene Schilderungen zu Wort kommen. Es ist das Wechselspiel von gegenseitigem Dank und von Anerkennung, in denen man sich auf vielfältige Weise begegnet. Und das tut dem Buch gut.
Die verschiedenen Perspektiven lassen die Autorin wiederum in jener Farbigkeit erstehen, wie wir sie persönlich kennen. Und da am Ende des Buches die Mitautorinnen und -autoren aufgeführt und in Kurzporträts vorgestellt sind, bekommt man diesbezüglich Klarheit.
Was bleibt, ist die Frage: Wird die Autorin weitere Bücher vorlegen? Es war bereits vor diesem vierten Werk angekündigt, dass Marie-Louise nun keine Bücher mehr machen wird. Nun hat sie sich ad absurdum geführt.
Wird sie es noch einmal tun? Wir werden es erfahren.
In diesem Buch ist nachzulesen, dass das Schreiben schon immer Marie-Louises erklärte Passion gewesen ist. Schon als Kind ist sie nie ohne Schreibgerät und ein leeres Blatt oder ein unbeschriebenes Heft aus dem Haus gegangen. In der heutigen Zeit hat das Notebook das kleine Heft abgelöst, und doch ist es immer noch anders, wenn jemand Papier und Kugelschreiber benutzt.
Valerie Bosse
Veröffentlicht in: Freiheitsglocke, Vereinigung der Opfer des Stalinismus e. V.